NARZISS UND DER APFELBAUM

In den letzten Tagen vor meinem Auszug erzählen mir die Dinge Geschichten.

Ich seh unser Klavier im Wohnzimmer stehen und hör noch die Töne, die du spieltest, als du aus Portugal wieder kamst. Ich war so verletzt, dass ich bittertraurig in meinem Bett saß, die Tür einen klitzekleinen Spalt geöffnet, weil ich doch insgeheim auf Frieden hoffte. Ich wusste nicht, wann du nach Hause kommen würdest und vergrub mich in meiner Höhle. Und dann hörte ich das Klavier. Ich hab dich gleich gespürt, nur ein paar Meter Luftlinie von mir entfernt, und wusste, du spielst für mich, ganz zart, als wolltest du sagen “Ich bin wieder da. Kommst du?”. Und doch saß ich wie versteinert. Schließlich hast du deinen Kopf in meine Tür gesteckt und kamst, um mich zu umarmen.

Ich seh das Canapé in der Küche oben. Und seh den Moment, als du mich von hinten schnapptest und mich auf dich zogst. Wir beide da liegend, mein Rücken an deinem Bauch, du mich fest umklammernd. In totaler Stille, ohne jede Bewegung, um ja in diesem Glückszustand zu verweilen. Nach einer kleinen Ewigkeit sagtest du “Das ist wie Universumsurfen”. Da entspannten wir beide.

Ich seh unsern Apfelbaum im Garten, unter dem wir einmal saßen auf einer Decke. Ich hab dich angeschrien und von der Seele gesprochen. Geschrien hab ich nicht wirklich, aber dich mit klaren Worten so konfrontiert, dass es sich wie schreien anfühlte. Angeklagt hab ich dich, angeklagt der seelischen Vergewaltigung. Du hast gelauscht und dich wie immer auf deine Wolke verkrochen. Hinterher bedanktest du dich für den guten Austausch.

Und gleichzeitig, wenn ich den Apfelbaum seh, hör ich das Wunderlied. Wie wir uns in der Küche begegnen, einen Moment innehalten und in einer Umarmung verschmelzen. Genau in dem Moment spielte uns das Radio: “Weißt du schon, wie schön das ist, ein Apfelbaum und Pferdemist… Deshalb brauch ich meine Arme, um dich zu tragen, meine Augen, um dich zu sehen, meine Stimme, um dir zu sagen, dass ein Wunder mir geschehn…”

Ich seh den Balkon, von dem man fast den See sehen kann. Auf dem wir saßen, einmal an einem schönen Frühlingsmorgen. Unten über den Kies ging ein altes Ehepaar Hand in Hand. Unsere Blicke begleiteten ihren Weg Richtung See. Dann sagtest du “Schau mal wie schön, die sind immer noch zusammen”. Und so saßen wir da und sahen uns beide im Alter diesen Weg lang gehn.

Ich seh den roten Hocker in der Küche. Seh uns beide auf ihm sitzen, eng umschlungen, mein Schoß auf deinem, meine Beine um deine gewickelt, deine großen Hände mich haltend. Ich hör noch die Worte meiner Freundin, die die Szene sah und mir später sagte, sie sah uns für einen Moment lang gealtert. Ich eine zarte, alte Frau mit weißem Haar, du der große, alte Mann, der mich in seinen Händen hält.

Und dann seh ich mich im Wald dieses Bild vergraben, als ich einmal erkannt hatte, ich muss es loslassen, will dich loslassen. Und seh mich Wochen später zur Sonnenwende, als ich wiederkam und nur im Lichte des Vollmonds nach diesem Bild die Erde durchwühlte. Schließlich fand ich einen Stein, brachte ihn zum See und pfefferte ihn mit einer gehörigen Ladung Wut auf den Grund. Hinterher war ich stolz auf mich, dass ich mich aus Liebe zu mir alleine nachts in den Wald getraut hatte.

Ich seh die Wand im Flur. Und seh mich an ihr lehnen, auf der Suche nach Halt. Und ich seh mich in deine Augen blicken und hör mich sagen, dass mir das weh tut. Dass es nicht okay ist für mich, wenn hier andere Frauen auftauchen. Ich seh mich Stopp sagen. Ich seh mich um Hilfe bitten. Und ich seh nur deinen Unwillen und dich auf deine Freiheit pochen. Mich alleine dastehen und unsere Verbindung zerbröckeln.

Ich seh unsern Terrassentisch. Seh mich dasitzen in Erstaunen und Unverständnis, als du sagtest, du hast nie nach einer Beziehung mit mir gesucht, du wolltest immer nur Freunde sein. Ich seh mich toben innerlich. Ich seh dich weinen. Ob du wirklich weintest oder ich dich so sah, kann ich nicht sagen. Jenseits der Worte spürte ich Angst und Moder.

Ich blick in das Zimmer, in dem jetzt ein anderer wohnt. Seh uns liegen da auf meinem Bett. Die Köpfe einander zugewandt, meine Hand in deiner liegend zwischen unseren Herzen. Und ich seh uns daliegen mehrere Stunden bis zum Morgengrauen und einander Worte flüstern über das, was wir sehen ineinander und zwischen uns. Viele Worte übers gemeinsame Dienen für die Welt, übers Potential, das doch nie gelebt wurde. Und ich seh dieses Potential verpuffen, platzen wie eine Seifenblase, die ihren schönsten Moment verpasst hat.

Ich seh das Sofa im Wohnzimmer mit der gelben Decke. Seh dich darauf liegen mit Bauchschmerzen und wie meine Freundin und ich deinen Bauch massieren. Ich seh, wie sie sich leise von dannen macht, wir beide dann nebeneinander liegen und ich verletzlich verlauten lasse, dass ich noch nicht bereit bin, dich zu teilen. Ich seh dein liebevolles Lächeln und hör dich sagen, dass es ja auch schwer ist, den Kuchen zu teilen, wenn man selbst noch kein Stück essen durfte.

Ich seh den Stuhl vorm Nähtisch und seh den Moment, als du dort am Laptop saßest und dein Freund dann mit mir ins Zimmer kam. Wie ich da lag mit ihm auf meinem Bett und das Gefühl hatte, so frei ist die Liebe dann doch nicht. Mich nach dir verzehrte und doch deinen Worten glauben wollte. Ich sehe, wie ich dir das sagte Wochen später, und wie du dann zugabst, dass du oben saßest in Meditation, um klar zu kommen mit der Eifersucht. Und ich seh, wie wir uns wieder einmal unnötig Schmerz bescherten.

Ich seh den Spiegel im oberen Flur und seh das Bild von euch vor der Steppenwolf-Party. Du hattest dich in enge Klamotten geschmissen und Augen und Lippen geschminkt. Ich erinnere mich, wie ich im Zwielicht vor dir stand, und du mir sagtest, dass du mein Ego liebst. Wie du in großen Worten die Bedeutung dieser Worte zu erklären versuchtest und dich dabei um die Liebe rumbogst. Ich seh mich, wie ich die Szene, die sich mir erbot nicht fassen konnte und dich dann einfach küsste. Ein Moment des Feuerwerks zwischen unseren Lippen und Herzen. Ich seh uns Monate später im Wohnzimmer sitzen, als du leise meintest, dass du damals Angst hattest, ich meins gar nicht ernst.

Ich seh euch mit den Krügen von der Quelle kommen. Und seh uns dann sitzen am Wasser beim Nixenweiher. Als du mir diesen magischen Ort zeigtest und über den Baumstamm in die Mitte des blaugrünen Wassers klettertest und mit der Flöte zum Wassergeist spieltest. Als wir auf der Bank saßen und ich zum ersten Mal verstand, dass du mich liebst.

Ich seh den Platz am See beim Kiosk, an dem wir einmal standen. Mein Kopf mit Tränen in den Augen an dein Herz gedrückt. Ein Moment des Friedens nach Monaten des Streits. Als du wiederkamst aus Frankreich und ganz aufgeregt schriebst, du musst mit mir reden, du hast einiges erkannt auf deiner Reise. Und ich mit der Hoffnung, die gleich wieder aufflammte in meiner Brust. Deine Worte und dein Wunsch, verletzlicher sein zu wollen, dich mehr zeigen zu wollen. Und mein Misstrauen und mein Aufweichen und dann diese Umarmung.

Ich seh die Treppen im Haus und seh mich aufgeregt hochrennen, als ich vom Vipassana wiederkam, seh mich an deine Tür klopfen und dir mit großen Augen in die deinen blicken. “Ich bin bereit, neu anzufangen” sagte ich und meinte unsere Freundschaft. Und meinte, all meine Enttäuschung loszulassen und dir neu zu begegnen. Ich seh deine Freude und noch eine dieser innigen Umarmungen. Und dann seh ich uns beide in denselben Verflechtungen nur ein paar Wochen später. Ich seh meine Enttäuschung mit der Erkenntnis, dass wahre Freundschaft und auch wahre Liebe nicht möglich sind, wenn sich einer auf der Einbahnstraße befindet.

Ich seh all den Schmerz. Und ich seh all die Zartheit.

Du hast mir gezeigt, wie paradox die Liebe ist. Wie sehr man lieben kann und doch daran zugrunde gehen. Wie das größte Glück in das größte Gift umschlagen kann für das eigene Seelenheil.

Du hast mir den Schmerz gezeigt, der in der Liebe steckt. Und die Liebe, die im Schmerz steckt. Ich hab kaum einen getroffen wie dich. Es hat mich kaum einer getroffen wie du. Ich weiß, du hast viele getroffen wie mich. Und es hat dich kaum eine getroffen wie ich.

Ich wache auf früh am Morgen und schreibe all diese Erinnerungen nieder. Als wollt ich einmal danke sagen und es tut mir leid, und auch es ist gut so und es tut weh. Als wollt ich ein letztes Liebeslied singen, bevor ich geh.

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